Mahler erzählte mir, wie er sich bei dem Beginn seiner Vierten hier vorgenommen habe, mit dem Bau seines Hauses um die Wette zu arbeiten. Zuerst war er ganz verzweifelt, daß ihm dieser schon so weit zuvorgekommen, bald aber hatte er ihn eingeholt und jetzt ist er ihm weit voraus, dem Ende seiner Symphonie nahe, während die Villa nicht früher als zum Schluß des Sommers fertig da stehen wird.
(Herbert Killian, Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Hamburg 1984, S. 162)
Ein paar Tage nach Justi und mir kam Mahler in Maiernigg an, voll Neugier und Erwartung seines neuen Hauses.
Die innere Einrichtung und was am Äußeren noch fehlte, hatte Justi in wenigen Tagen so weit gefördert, daß das Ganze, wenn auch noch vieles unfertig war, einen wohnlichen Eindruck machte. - Schon die Lage des Hauses zwischen Wald und See ist ein solcher Zauber an Lieblichkeit, daß man es nie gewöhnen kann, sondern es immer aufs neue entzückend empfindet. Zwei herrliche, große Steinterrassen (eine offene im Hauptgeschoß und die gedeckte Loggia darunter) bieten den weitesten Blick über den See, der einem schon durch jedes Fenster lacht, wie auch der Wald mit den hohen Wipfeln seiner Fichten und Erlen überall hereinlugt. Wie eine hohe Warte aber ist Mahlers Balkon vor seinem Dachgeschoß. "Es ist zu schön," sagte er, "man vergönnt es sich nicht".
(Herbert Killian, Gustav Mahler in den Erinnerungen von Natalie Bauer-Lechner, Hamburg 1984, S. 187)
Mahlers Lebensweise war in den ganzen sechs Jahren die gleiche. Er stand im Sommer jeden Tag um sechs, halb sieben Uhr auf. Im Moment, wo er erwachte, läutete er nach der Köchin, die sofort das Frühstück fertig stellte und es auf glattem, steilem Weg in sein Arbeitshaus hinauftrug. Dieses lag mitten im Wald, etwa sechzig Meter höher als die Villa; die Köchin durfte den regulären Weg nicht gehen, weil er ihren und überhaupt niemandes Anblick vor der Arbeit ertragen konnte, und so mußte sie jeden Morgen einen schlüpfrigen Kletterweg mit allem Geschirr hinaufsteigen. Das Frühstück bestand aus frischem Kaffee, Butter, Grahambrot und Jam (für jeden Tag anderes) . . . Das Haus selbst war nichts als ein großes gemauertes Zimmer mit drei Fenstern und der Eingangstür. Ich fühlte, daß dieses Haus ihm nicht gesund war, weil es zu tief im Walde steckte und nicht unterkellert war. Ich konnte aber nichts tun, um ihn an diesem Aufenthalt zu hindern, da er ihn so liebte. Im Zimmer stand ein Flügel und auf den Regalen ein vollständiger Goethe und Kant. Außerdem an Noten nur Bach.
Nachdem er den ersten Satz entworfen hatte, war Mahler aus dem Walde herunter gekommen und hatte gesagt: "Ich habe versucht, Dich in einem Thema festzuhalten - ob es mir gelungen ist, weiß ich nicht. Du mußt Dir's schon gefallen lassen."
Es ist das große schwungvolle Thema des 1. Satzes der VI. Symphonie. Im dritten Satz schildert er das arhythmische Spielen der beiden kleinen Kinder, die torkelnd durch den Sand laufen. Schauerlich - diese Kinderstimmen werden immer tragischer, und zum Schluß wimmert ein verlöschendes Stimmchen. Im letzten Satz beschreibt er sich und seinen Untergang oder, wie er später sagte, den seines Helden. "Der Held, der drei Schicksalsschläge bekommt, von denen ihn der dritte fällt, wie einen Baum." Dies Mahlers Worte.
Kein Werk ist ihm so unmittelbar aus dem Herzen geflossen wie dieses. Wir weinten damals beide. So tief fühlten wir diese Musik und was sie vorahnend verriet. Die Sechste ist sein allerpersönlichstes Werk und ein prophetisches obendrein. Er hat sowohl mit den Kindertotenliedern wie auch mit der Sechsten sein Leben "anticipando musiziert". Auch er bekam drei Schicksalsschläge, und der dritte fällte ihn. Damals aber war er heiter, seines großen Werkes bewußt und seine Zweige grünten und blühten.
(Alma Mahler: Gustav Mahler. Erinnerungen und Briefe, Amsterdam 1940, S. 59f und S. 89f)
Im langsamen Schreiten setzte er, beinahe zierlich, einen Fuß vor den anderen und streckte die Beine in den Kniekehlen stramm. Er ging so "in einer schmalen Spur". Im Eilschritt aber, in dem sich die weiten Spaziergänge vollzogen, trug er den Oberkörper leicht vorgeneigt, das Kinn vorgestreckt und trat fest, fast stampfend auf. Diese Gangart hatte etwas Stürmisches, etwas ausgesprochen Triumphales. Zu schlendern vermochte Mahler überhaupt nicht. Sein Körper hatte immer Haltung, wenn auch nicht immer die konventionelle. Bergan stieg er viel zu rasch. Ich vermochte ihm da kaum zu folgen. Sein Bad begann gewöhnlich mit einem mächtigen Kopfsprung. Dann schwamm er lange unter dem Wasser und weit draußen im See kam er erst wieder zum Vorschein, sich behaglich im Wasser wälzend wie eine Robbe. Mit Mahler gemeinsam zu rudern, war kein Vergnügen. Er hatte einen sehr kräftigen Streich und einen viel zu schnellen Schlag. Aber seine Kraft befähigte ihn, diese Anstrengungen auszuhalten.
(Alfred Roller, Die Bildnisse von Gustav Mahler, Wien 1922, S. 17)