Eben angekommen, Elise nach Maiernigg expediert, im Cafe Schieder (das aber nicht mehr so adrett zu sein scheint) gefrühstückt, die Haare schneiden lassen, und nun per pedes über Loretto, wo mich Anton erwarten wird, nach Hause; das Wetter ist jetzt wieder schön. Gestern soll es geregnet haben . . .
Also der erste (richtige erste) Tag wäre vorüber. Einfach schrecklich! Der dumpfe Malgeruch im Schlafzimmer, hierauf notdürftiges Zusammensuchen der zerstreuten Stücke meines inneren Ich (wie viele Tage es dauern wird, bis ich es mir gesammelt?), hierauf Besprechungen mit Theuer . . . , dann gebadet, mittagmahlt; den ganzen Tag im Briefwechsel Wagner-Wesendonck gelesen und mich wahrhaft erbaut an diesem Einblick in ein wichtiges — vielleicht das wichtigste Stück Leben dieses einzigen und teueren großen Mannes . . .
. . . Das Gitter habe ich mir reiflich überlegt! Der Platz, den wir aus dem Gedächtnis gewählt haben, ist ja viel zu klein; da könnte sich Putzi ja kaum umdrehen. Dagegen wäre unten ein Platz wie geschaffen dazu. Ich habe mir alles genau angeschaut und mit Theuer beraten. Ich lasse ihn vollständig eingittern und um 10 fl feinen Sand aufstreuen. Da haben die Kinder für Jahre hinaus ein Platzl, wo sie sich ein wenig unter Aufsicht tummeln können . . .
... Dann war ich heute bei Riedel wegen eines Kinderbettes. Ich habe das Passendste ausgesucht und sende Dir zur Auswahl beigegebene Bildnisse. Ich denke , Du wählst von Nro 61 und 62 eines aus. Hier regnet es und regnet es. Ich muß infolgedessen fortwährend lesen etc., für die Augen nicht gerade das Beste. Von Brahms habe ich endlich ein Klavierquartett in G-moll gefunden, das mich durchaus befriedigt. Als gewissenhafter Chroniqueur konstatiere ich dies hiemit . . .
. . . Heute habe ich mit einem eigenen Sport angefangen, um mir einen Ersatz an Bewegung zu schaffen, da mich das leidige Wetter ja doch an Ausflügen verhindert. (Auch Toblach wäre unter solchen Umständen kein Vergnügen . . .) Ich führe den Sand für Putzi von der Straße, wo er abgeladen ist, per Schubkarre auf den Platz vor dem See und streue ihn dort und glätte ihn . . .
Der gestrige Reisetag ist programmatisch mit wahnsinnig heißer Bahnfahrt und Wagenfahrt nach Schluderbach - hierauf Gewitter und Platzregen - verlaufen. Durch die Hitze und Ungemach etwas Migräne, infolge dessen hier geblieben. Heute fühle ich mich sehr wohl und trete immerhin erfrischt den Heimweg an. Vor allem eins: bringe mir aus meinem Schreibtisch, mittlere Lade (Du hast ja den Schlüssel) die darin enthaltenen Manuskripte mit; ich brauche vornehmlich den zweiten und dritten Satz der VI. (Symphonie), die ich vergessen habe mitzunehmen. In Maiernigg hoffe ich bestimmt Nachrichten von Dir vorzufinden. Ich freue mich schon rasend . . .
(Aus Alma Mahler, Gustav Mahler, Erinnerungen und Briefe. Amsterdam 1940 sowie aus dem Typoskript "Ein Leben mit Gustav Mahler", University of Pennsylvania, Philadelphia)
Liebster Freund !
Bis heute habe ich mich innerlich und äußerlich gegen die mir fatale Münchner Barnum und Bailey-Aufführung meiner 8. gewehrt. Ich hatte seinerzeit, als Gutmann mich in Wien überrumpelte, an alles Drum und Dran solcher "Feste" nicht gedacht. - Nun scheint nach allem, was ich erfahre, das Unzulängliche Ereignis zu werden. Wenigstens sehe ich nicht, wie ich mich meiner Verpflichtungen entledigen kann. Natürlich stelle ich heute wie immer die Bedingung, daß die Chöre meinen Anforderungen entsprechen . . .
Meine Proben in Leipzig und München waren recht befriedigend. Jetzt erst glaube ich an die Aufführung am 12. September. Es wäre herrlich, wenn Du kommen könntest. Du hättest sicherlich was davon. Ich glaube. Du würdest ein Stück Deines Geistes erkennen; speziell der Hymnus ist aus Deiner Seele.